Gary Hill

DO 28.1. 18.30 Uhr
Auditorium Schaulager

Gary Hill im Gespräch mit Chantal Pontbriand, Curator and Critic, Director of Mocca, Toronto

«Ist von der Kunst Gary Hills die Rede, assoziiert man unmittelbar Video, gleichzeitig denken Kenner seines Werks meist auch an Sprache. In erster Linie bedeutet dies, dass der Künstler Worte – gesprochene wie auch geschriebene – und das Konzept von Sprache und Linguistik in seine Arbeit einbindet. Genauso wie zum Begriff Malerei stellen sich zu Video klare Vorstellungen ein – ein bekanntes Medium, offen für subtile Neukonzeptionen. Wie aber steht es um die Sprache? Hier ist der Fall nicht so klar, mal abgesehen von der offenkundigen Präsenz von Worten, artikuliert gesprochenen, menschlichen Lauten, Text. Wie können wir wissen, dass wir es mit Sprache zu tun haben? Vereinfacht gesagt verhält es sich wie bei diesem Witz über den Anwalt: woran zu erkennen sei, wann dieser lügt; Antwort: Seine Lippen bewegen sich. Wenn es zu dir spricht, ist es irgendwie Sprache. Wenn du es lesen kannst, ist es Sprache.»

(aus: George Quasha / Charles Stein, An Art of Liminia: Gary Hill’s Works & Writings, Barcelona, Ediciones Polígrafa, 2009)

Gary Hill setzt sich intensiv mit elektronischen Bildern auseinander und erforscht deren spezifische Ausdrucksmöglichkeiten. Seine «Arbeit am Video» gilt einem multimedialen Denken, das die verschiedenen Medien miteinander verknüpft und die Wahrnehmung reflexiv herausfordert. Bereits in den 1970er-Jahren unternahm der kalifornische Künstler komplexe Experimente mit elektronisch erzeugen Klängen und dem damals neuen Medium Video. 1978 lernte er die Dichter George Quasha und Charles Stein kennen und begann in seiner Arbeit die Beziehung von Wort- und Bildsprache auszuloten; mit Quasha und Stein verbindet ihn seither eine langjährige Zusammenarbeit und Freundschaft. Das Phänomen des Lesens, die Verbindungen zwischen Sprache, Bedeutung und Klang und deren besondere Beziehungen innerhalb des bewegten Bildes sind zentral für Hills Werk.

In der Ausstellung FUTURE PRESENT ist der Künstler mit der Videoinstallation Dervish (1993-1995) vertreten: «In der Mitte eines Raums mit kreisrundem Grundriss befindet sich ein turmähnliches Gerüst, das eine komplexe Projektionsapparatur enthält. Beim Betreten des Raumes beginnt für den Betrachter ein Ablauf von sich steigernden Eindrücken, die sich auf den Rand einer Katastrophe zu zu bewegen scheinen: Eine rotierende Spiegelkonstruktion, auf die zwei mit einer Stroboskopschaltung ausgestattete Videoprojektoren Bildsequenzen werfen, projiziert diese auf die gegenüberliegende Wand. Sobald die Rotation der Maschine an Geschwindigkeit zunimmt, füllt sich der Raum mit einem ohrenbetäubenden Geräusch. Scherben und Fragmente zweier unabhängiger Bilder flackern und ziehen mit hoher Geschwindigkeit über die gewölbten Wände. Manchmal kommen die Bilder zusammen, aber nur um wieder voneinander wegzufliegen. Aufnahmen von Fenstern, Möbeln, Büchern, Blumen, Treppen sowie Teilen eines Klaviers werden von diesem mächtigen Apparat mit zentrifugaler Wucht gleichsam durch den Raum geschleudert. Eine Welle von Singsang-Stimmen durchdringt langsam den Lärm der Maschinen. Währenddessen ‹marschieren› zitternde Finger und Bücher über das Projektionsfeld und schlingen sich ineinander. Zuletzt sieht man einen auf Händen und Knien kriechenden nackten Mann, dessen flackernde Projektion die Wahrnehmungsfähigkeit des Betrachters strapaziert. Der Titel Dervish verweist auf die ekstatischen Wirbeltänze der Derwischorden.»

(aus: Gary Hill, Selected Works + catalogue raisonné, Kunstmuseum Wolfsburg, 2001)

Das Künstlergespräch ist im Eintrittspreis der Ausstellung inbegriffen.